Die geistige Haltung des Aikido

Paul Muller, 7. Dan Aikikai

Offenkundig unterscheidet sich das Aikido von allen Kampfkunst- und Kampfsportarten dadurch, dass es keine Wettkämpfe kennt. Doch der eigentliche Unterschied liegt vor allem in der Absicht (bzw. dem Willen) des Aikido-Praktizierenden, aus einer Konfliktsituation mit dem kleinstmöglichen Schaden herauszukommen – sowohl für sich selbst wie auch für den Angreifer. Dieser Wille wird durch die Struktur der Kampfkunst sowohl offengelegt als auch verwirklicht. Im besten Fall geht man dem Konflikt ganz einfach aus dem Weg.

 

Diese Haltung hat zunächst einen praktischen Zweck: Den Gegner nicht zu töten (in früheren Zeiten) oder physisch oder mental zu verletzen – ihn nicht einmal das Gesicht verlieren zu lassen –, das soll verhindern, physische oder psychische «Spuren» zu hinterlassen, die ihrerseits die Haltung der Rache oder Vendetta hervorrufen könnten.

 

Diese Idee lässt sich auch auf eine viel höher gelegene Ebene übertragen: Gewiss, hinterlasse keine körperlichen oder mentalen Spuren, aber hinterlasse auch geistig keine «karmischen Spuren»!

 

Die Idee ist auch tief im Zen-Buddhismus verankert: Der Wille, die Konsequenzen einer Verteidigung in der bestmöglichen Weise kleinzuhalten, trifft sich mit der Suche nach dem natürlichen Akt, in dem die «vollkommene Handlung» verwirklicht wird, ohne dass man sich dabei auf das Resultat fixiert. Nur dann hinterlässt die Handlung keine Spuren (1).

 

Eine andere Art, dies auszudrücken, besteht in der Rede von einer interesselosen und natürlichen Handlung. Sie schliesst jene Fälle mit ein, wo man unter Umständen etwas tun muss, um sich zu verteidigen. Es geht darum, nichts zu tun, wenn es nicht wirklich notwendig ist oder wenn es sich nicht natürlicherweise aufdrängt. Zudem sollte man schon im alltäglichen Üben des Aikido daran denken, seinen Schlag, seine Kraft, seinen Hieb (Jo) oder seinen Schnitt (Ken, Iaito, Shinken) beim Trainieren der Basisbewegungen anzuhalten. Dadurch übt man auf einer höheren Ebene mit einer Haltung der Nachsicht und Barmherzigkeit.

 

Das war ein Leitmotiv des Unterrichts von Nishio Sensei (1927-2005).

 

Es ist nicht zufällig, dass er seinem einzigen über das Aikido geschriebenen Werk (2) den Titel „Aikido – Yurusu Budo“ gegeben hat. Das lässt sich übersetzten mit: „Aikido – das Budo des Verzeihens, der Nachsichtigkeit“.

 

Die englische Übersetzung des Werks gibt „Yurusu Budo“ mit „Budo of acceptance“ wieder. In dieser Hinsicht ist unsere Disziplin auf eine gegenseitige Akzeptanz gegründet: zuerst auf diejenige des Tori (der Angegriffene), der den Angriff akzeptieren wird, selbstverständlich um im letzten Moment auszuweichen. Und im Verlauf der Technik wird es Uke (der anfängliche Angreifer) sein, der dazu geführt wird, eine wichtige Situationsänderung zu akzeptieren. Das ist auch der Grund, wieso Nishio Sensei das Aikido als eine Art Austausch bezeichnete, als Übung des Empfangens und der Toleranz.

 

Nishio Sensei wiederholte oft, dass man bei den meisten Techniken – seien sie mit blossen Händen, mit dem Boken, dem Jo oder dem Schwert ausgeführt – vier bis fünf Gelegenheiten hat, die Angelegenheit brutal mit einem Schlag zu beenden (ein Atemi auf einen vitalen Punkt) – oder beim Schwert mit einem Schnitt. Das Ideal der Ausübung des Aikido ist es aber, keinen Gebrauch davon zu machen. In erster Linie ermöglicht uns das die vollständige Ausführung der Aikido-Bewegung in den Kumitachis, in denen die eigentlich waffenlosen Aikido-Techniken mit Waffen durchgeführt werden. Aber es erlaubt uns auch in einem gewissen Sinn unseren «Partner-Gegner» in jeder Phase, in der diese Nachsicht zum Ausdruck kommt, zu fragen: „Wollen wir das wirklich?“

 

 

Das Aikido bietet so einen neuen Weg an: den Weg eines Budos des Empfangs, der Akzeptanz.

 

Das Aikido wurde von seinem Begründer O Sensei Morihei Ueshiba ins Leben gerufen, um das Begehen dieses Weges zu ermöglichen: über jede der Grundtechniken die folgenden Ziele zu verwirklichen: leben, leben lassen, empfangen, verzeihen.

 

Diese Idee ist von Anfang an gegenwärtig. Im Aikido gibt es keine besondere Kampfbereitschafts- oder Wartehaltung, keine «Garde», die schon den Anschein einer Provokation erwecken könnte, sondern nur eine natürliche Körperstellung. Das Kamae (die «Garde» oder Ausgangsstellung) des Aikido wird daher als Mu-Kamae («Ohne-Garde») charakterisiert: die «Garde» ist physisch nicht sichtbar, aber auf der mentalen Ebene (Wachsamkeit und Konzentration) ist sie völlig präsent. Das ist bei Nishio Sensei sowohl im waffenlosen Aikido als auch mit dem Boken oder dem Schwert der Fall.

 

Man findet diese Idee auch gleich nach dem Angriff, nach dem De-Ai (dem Zustandekommen des Körperkontakts), wo sich die wichtige Phase des «Michibiki» einstellt, der «Führung» des Partner-Gegners. In dieser Phase kommt die ganze geistige Haltung des Aikido zum Ausdruck, weil sich in dieser Phase physisch zeigt, dass in der wechselseitigen Interaktion die zwei Akteure von einer Situation der Gegnerschaft (vor und während des Angriffs) zu einer Situation des Befolgens einer selben Richtung in der sich entfaltenden Technik übergegangen sind. Wenn sich die Bewegung nun wie vorgesehen entwickelt, dann bilden die beiden bis zum Schluss – dem Ukemi oder der Festhaltung am Boden – nur noch eine EINHEIT.

 

Das ist am besten in den eigenen Worten von O Sensei ausgedrückt: „Das wahre Budo ist ein Werk der Liebe. Es besteht darin, allen Wesen das Leben zu schenken und weder zu töten noch gegen die Anderen zu kämpfen. Die Liebe ist die schützende Gottheit aller Dinge. Nichts kann ohne sie existieren. Das Aikido ist eine Verwirklichung der Liebe. Das wahrhafte Budo ist ein liebender Schutz aller Wesen im Geist der Versöhnung – man versöhnt sich, um seine eigene Mission zu erfüllen. Das Geheimnis liegt darin, mit der Bewegung des Universums zu harmonieren und sich mit dem Universum selbst in Einklang zu bringen.“

 

Um diesem Weg – sei es auch nur ein kleines Bisschen – näher zu kommen, dieser Haltung der Offenheit, des Empfangs, der Toleranz, also letztlich der Liebe, die jedem Aikido zugrunde liegen sollte, muss man das eigene Ego verkleinern. Die Weise des Übens, die Art wie das Keiko (das Training) geführt wird, muss dorthin führen. Das ist die eigentliche Rolle des Dojos.

 

Das Wort Dojo, ursprünglich ein religiöser Begriff, bezeichnet den Ort, der dazu da ist, die Verwirklichung des Weges zu erreichen. In früheren Zeiten war es ein Ort, an dem man dem Leben und dem Tod, der Schöpfung und der Zerstörung in einem selbst, der inneren Nacktheit ausgesetzt war und gegenüberstand. Heute ist es zumindest ein Ort, an dem es keine Diskriminierung zwischen Armen und Reichen, Jungen und Alten, Männern und Frauen, Starken und Schwachen gibt. Es ist der Ort, an dem sich durch die physische aber auch mentale Arbeit an einem selbst eine ernsthafte Verkleinerung des Egos vollziehen sollte.

Jede Trainingseinheit sollte wie ein Misogi gelebt werden. Das Konzept des Misogi unterstreicht hier auch den besonderen Aspekt, den jede Aikido-Trainingseinheit annehmen sollte. Ursprünglich ebenfalls ein religiöser Begriff, ein Begriff des Shintoismus, bezeichnet Misogi eine asketische Aktivität mit dem Zweck, sich selbst zu reinigen. Eine Misogi-Übung vollzieht sich über ein sehr intensives Trainieren, das darauf abzielt, in einer Haltung der völligen Selbstaufgabe eine körperliche und mentale Erschöpfung hervorzurufen.


 

Die Übungen im Sinne des Misogi nehmen eine wichtige Rolle in der Ausübung der traditionellen Budo-Arten ein. Folglich war es ganz selbstverständlich, dass der Begründer des Aikido, O Sensei, der selbst eifriger Shintoist war, seine Kampfkunst auf das Prinzip des Misogi gegründet hat. Angewendet auf unser Üben, geht es – wie Nakazono Sensei zu sagen pflegte – darum, die Welt zu reinigen, indem man sich selbst durch die Ausübung des Aikido reinigt.

 

In diesem Sinne bis zur Erschöpfung (Misogi) zu trainieren oder massvoll in einem bescheideneren Rhythmus zu trainieren, wie es in unseren Vereinen gehandhabt wird – beide Varianten sind möglich. Aber man muss wenigstens regelmässig und konstant trainieren, um nach und nach mit dem Körper oder dem «innersten Selbst» und nicht nur mit dem Verstand zu verstehen, was Harmonie mit einem Trainings-Partner bedeutet und impliziert.

 

Ohne jedes Keiko in Misogi umwandeln zu wollen, sind doch zwei Elemente wesentlich für eine Aikido-Trainingseinheit, die nicht ihr Ziel verfehlt:

 

1. Das volle Bewusstsein: In jedem Augenblick das volle und ganze Bewusstsein davon zu haben, was man macht, und davon, was man erlebt, ist ein fundamentales Element des Übens. Es ist die Umsetzung eines Prinzips, das Nakazono Sensei sehr am Herzen lag: «Naka Ima», «hier und jetzt». Es handelt sich dabei um eine vollständige Wachsamkeit und geistige Präsenz, die jeden Augenblick gefordert ist. Sie ist dieselbe, die wir hätten, wenn es tatsächlich um Leben und Tod ginge. Auf den Tatamis sollte es folglich nie vorkommen, dass man sich für eine Handlung entschuldigen muss, die man aus Versehen gemacht hat. Dieses ebenfalls mehrfach von Nakazono Sensei erwähnte Konzept ist auch im Zen-Buddhismus sehr gegenwärtig: Man soll nichts mit einem abwesenden Geist tun. (3)


 

Es ist die Verwirklichung dieses vollen Bewusstseins, das es nach und nach erlaubt, das Ego zu überwinden, jenseits der Dualität von Subjekt und Objekt, von Angreifer und Angegriffenem zu gehen und unvermittelt, mit dem eigenen Körper und im Innersten von sich selbst das Konzept der fundamentalen Einheit zu begreifen, das die zwei Partner in der Bewegung verbindet.

 

Chiba Sensei, der auch Zen-Mönch war, sagte nichts anderes, als er behauptete: „Der grosse Fehler in der Schwertkunst liegt darin, den Ausgang des Gefechts vorwegzunehmen; ihr sollt nicht danach trachten, zu wissen, ob es mit einem Sieg oder in einer Niederlage enden wird. Lasst einfach die Natur ihren Lauf nehmen und euer Schwert wird im richtigen Moment treffen. Im Aikido ist es dasselbe. Man soll in dieser Hinsicht keine dualistische Haltung einnehmen wie die Mehrheit der Leute, die in Begriffen von «gewinnen und verlieren» denkt.“

 

Und er fügte hinzu: „Stattdessen verstehe ich diese Begriffe hinsichtlich der Handlung als EINS seiend. Der wichtige Punkt ist, dass es sich nicht nur um eine Handlung im geläufigen Sinn handelt, sondern um das, was ich eine REINE HANDLUNG nennen würde. Das heisst, eine Handlung, die weder ein Motiv, noch ein Ziel, aber dafür einen dynamischen körperlichen Ausdruck von ihrer Freiheit hat, von ihrer Wahrheit und von ihrer inneren Schönheit: der inneren Schöpfung.“

 

2. Die körperliche Haltung: Der geistigen Haltung des vollen Bewusstseins muss während des Übens des Aikidos eine ganz bestimmte körperliche Haltung entsprechen: jene der körperlichen Lockerheit, der Entspanntheit. Sie lässt sich ganz einfach vom Gesichtsausdruck und von der Körperhaltung ablesen. Das verkniffene oder verkrampfte Gesicht, die angespannten und hochgezogenen Schultern sind die offensichtlichsten Zeichen derjenigen Haltung, die zu vermeiden ist. Körperliche Lockerheit, die gesuchte Haltung, bedeutet aber nicht Schlaffheit oder das Fehlen von muskulärem Kraftaufwand. Aber die Arbeit des Körpers, die hervorgebrachten Anstrengungen, die muskulären Bewegungen sollen natürlich sein: Alle unerwünschten Spannungen, die Ausdruck für unsere Ängste, unser Wünsche nach Herrschaft usw. sind, müssen minimisiert und letztendlich zum Verschwinden gebracht werden. Dies befreit eine natürlichere und tiefere Atmung (oder führt sie herbei), die eine harmonischere Zusammenarbeit ermöglichen wird.

 

Doch diese körperliche Haltung ist nicht einfacher zu erreichen als die geistige Aufmerksamkeit. Denn sehr oft setzt die Abwesenheit von Spannungen oder einfach von unerwünschten Bewegungen eine nicht zu vernachlässigende Dosis der «Gleichgültigkeit» voraus. Gleichgültig zu sein, das heisst hier, dass man sich nicht von seinem Partner oder von der Situation gefangen nehmen lässt (vor allem im mentalen Sinn). Das ist genauso schwierig – oder manchmal einfach – zu verwirklichen, wie die extreme Wachsamkeit, die man als «volles Bewusstsein» umschreibt. Auf einer anderen Ebene impliziert das auch, dass man sich von sich selbst lösen muss. In praktischer Hinsicht ist es einfach zu verstehen, dass man sich schlecht verteidigt, wenn man zu stark daran festhält, nichts zu verlieren, sich nicht zu verletzten oder nicht das Leben zu verlieren. Aber die Gleichgültigkeit, um die es hier geht, steht jenseits der Ebene, wo ein Kampf oder ein Wettkampf auf dem Spiel steht. Man muss sich darin üben, sich gehen zu lassen und sich von sich selbst loszulösen, selbst dann, wenn man alleine bei sich zuhause sitzt und meditiert.

 

Hier finden wir erneut ein sehr altes Konzept wieder, das in allen grossen Religionen verbreitet ist (man lese dazu Johannes 12-25, die Bhagavad Gita, aber auch Meister Eckhart und Alan W. Watts) (4). Es handelt sich um die höchste Ebene der Verkleinerung des Egos, die von den Normalsterblichen kaum zu erreichen ist, aber schon immer das Ziel derjenigen war, die das Absolute suchen, seien sie Kampfkünstler oder Mönche. 



Um es auf einen Schlusspunkt zu bringen: Man kann die geistige Haltung des Aikido sehr stark mit der geistigen Haltung des Zen in Verbindung bringen. Man muss das Aikido wie ein «Zen-in-Bewegung» verstehen, bei dem die geistige Suche auf die Einheit ausgerichtet ist: Vereinigung mit einem Partner, aber auch, wie Nakazono Sensei sagt, Vereinigung mit dem ganzen Universum. Viele der oben zitierten Meister nennen dasselbe Schlüsselwort um diesen Weg zu finden: die Liebe. 

(1) „La Bhâgava Gîta“ de Alain Porte, Ed. Aléa (édition de poche).

(2) „Aikido – Yurusu Budo“ by Shoji Nishio, published by Aiki News.

(3) „Hindouisme et Bouddhisme“ de Ananda K. Coomaraswamy, chez Folio Essais.

(4) „Eloge de l’insécurité“ d’Alan W. Watts, Petite Bibliothèque Payot.